Jenseits von Ouagadougou

Dreizehn Container transportieren das Innere von Christoph Schlingensiefs Operndorf nach Laongo, Burkina Faso.

Von Lennart Laberenz

1. Aufladen, Lomé



Ankunft, Lomé, 32°Celsius, morgens um vier und am Boulevard ist noch Licht. Hinten, beim Hotel Palm Beach, nahe der Grenze zu Ghana. Bottichgroße Leuchtkörper, neben jeder ein Generator, Motten, Fliegen, im dichten Schwarm. Beim Palm Beach laufen die Huren vergeblich auf hohen Hacken. Vier Mann auf der Baustelle, sie schwitzen in Strömen, reden nicht gern. Fingern an der Teermaschine. „Im Februar,“ nuscheln sie, sei die Baustelle fertig. Der Boulevard am Strand streckt sich fast bis zum mächtigen Hafen weit hinter der Stadt: Verkehr wird umgelenkt, sandig der Grund, Kreuzungen erneuert. Ende Februar sind Wahlen in Togo, der Potentat stellt sich dem Volk, da macht sich so ein Boulevard, zu viert stehen sie um die Maschine, ab und zu blicken sie auf den Verkehr, glatt und schwarz liegt der Teer hinter ihnen. Es heißt, Geld des Wirtschaftsverbandes Westafrikanischer Staaten würde hier verbaut, Infrastrukturmaßnahme. Wenn der Boulevard nicht reicht, wird es wohl wieder das Militär richten: Der Präsident führt die Diktatur des Vaters weiter, mit anderer Verpackung.

Die Sonne geht auf: Die Stadt ist flach, Reste kolonialer Architektur, zerrüttet, zermürbt, zerbrochen. Abseits der Boulevards sind die Straßen aus Staub, die Menschen leben in Hütten, halb eingefallen, oder knapp davor. Es gibt keine Kanalisation, oft kein fließendes Wasser. Die Dinge sind sich selbst überlassen. Eine geteerte Straße, so spotten sie, führt sonst zur Mätresse des Präsidenten.

Zum Hafen, hier sollen 13 Container ankommen. Sie transportieren die Innenausstattung von Christoph Schlingensiefs Operndorf. Weihnachten ab Hamburg, vier Wochen später in Lomé. Zum Hafen also. Zwei Taxis passieren, Kombis: Der erste voll unters Dach mit Plastikflaschen. Der zweite mit Ziegen. Der dritte: Mit Angst. Mikael fährt seit vierzig Jahren, kommt aus Nigeria. Die Angst ist unbarmherzig, er fürchtet die Motorräder und die Autos; zum Hafen brüllt, was die Zeit von den Lastwagen übrigließ, die fürchtet er am meisten. Er hat auch Angst vor den Schlaglöchern und den Arbeitern, die Schlaglöcher ausbessern. Er kennt nicht den Weg.

Aus der diesigen Hitze tauchen Mauern auf, Männer, die pinkeln, dahinter Kräne und Containerlandschaften. Müll. Der Hafen, eine der wichtigsten Einkommensquellen des Landes. „Für die Taschen des Präsidenten“, sagen viele. Auch Franzosen haben ihre Hand aufgehalten, haben Loyalität gemessen und gewogen. „Ein persönlicher Freund,“ sagt Jacques Chirac als der Diktator stirbt.

13 Container á 20 Fuß transportieren das Innere der Oper: Ausstattung, Bühnenbild, Generatoren. „13 Container á 20 Fuß machen in Afrika sieben Lastwagen,“ sagt Étienne Yawo Dable. Spediteur, kennt sich aus: Er hat in Deutschland studiert, nickt zum unterschiedlichen Maß: Lastwagen, in Deutschland für zwanzig Tonnen zugelassen, tragen hier das Doppelte. Im Büro der Speditionsfirma hängt ein Wochenplan: Das Schiff ist zu früh, die Ladung wird bereits gelöscht, Rose Ahodikpe Speditions-Agentin, Abteilung See, lächelt breit.

Zum Hafen, zum Hafen: Vorzimmer, Funktionäre, Genehmigungen, Assistenten. Beharrliches Händeschütteln. Die Idee ist: Ein Kleinbus, in die möglichst viele Abteilungsleiter, Gewerkschafter und Sekretäre passen, damit alle Genehmigungen sofort, vor Ort und mündlich ausgesprochen werden können. Nichts ist sicher, auf der zweiten Runde wird Papier eingesammelt, jetzt bekommen die Chefs ihre Hände erst über den Tisch zurück, wenn sie zustimmen, dass ich filmen kann. Und ja, sie wollen die Hände zurück, rufen nach Assistenten, nach Genehmigungen, nach Eile: Alles soll schnellstmöglich zum Wirtschaftsdirektor des Hafens, zu Herrn Néné. Einer sagt, beim Hinausgehen: „Unbedingt mit Helm!“

Monsieur Néné. Vorzimmer mit Werbegeschenken, Tragetaschen, Poster mit dem Moto des Hafens: „La passion de l’efficacité.“ Gesichter im Halbrund, die sagen: Es dauert schon eine Weile. Monsieur Néné aber macht schnell, nennt die Zahlen: Im Hafen wurden im letzten Jahr 300.000 Container umgeschlagen, wenig, verglichen mit Abidjan, verglichen mit Accra. Zum Abschied rennt der Assistent mit Statistik hintendrein, mit besten Grüßen.

Aufs Schiff, in Eile: Die tapfere Rose Ahodipke, ohne die ich nirgends hingekommen wäre, geht voran. Körperlich kräftig, mit lautem Lachen. Jetzt, mitten auf dem Fallreep versagt ihr Mut: Die Stufen schwingen und sie kommt keinen Zentimeter mehr voran, erstarrt im Blick nach unten. Über uns fliegen Container zum Land, ungefilmt. An der Reling, für Momente unerreichbar, lächelt freundlich Arkadin, Maat aus Rostow am Don, kennt von Deutschland und der Welt die Häfen, streckt vergeblich die Hand. Unten schlagen sich Hafenarbeiter auf die Schenkel, rufen Dinge, die ich nicht verstehen will. Zureden, freundlich schieben, nach endlosen Minuten geht es weiter. Oben wird der Kapitän geweckt, grünes Licht, ich komme aufs Monkey-Deck: Aufs Dach der Brücke. Rose lächelt erst wieder, als wir zurück auf dem Kai sind.

Ausladen, umladen, Lastwagen rangieren, der Hafen ist ein Ballett mit Tonnen aus Metall, brüllenden Arbeitern, Hitze, Bestechung: Die Chauffeure der Lastwagen zahlen für die Einweiser, zahlen, damit sie als Erste dran sind, zahlen für die Auslöse. Das Beladen ist ein genau kalkulierter Rhythmus: Stoisch blickende Gabelstaplerfahrer, drei Meter hoch die Kanzel, schweigend, bestimmt. Unten rennen, flüchten, gestikulieren Männer mit Papieren und Armen. Oben: Eilig, nie hastig. Zuletzt hat ein Fahrer seinen Hänger unglücklich abgestellt, den Rückwärtsgang verweigert kratzend das Getriebe. Der Stapler setzt kommentarlos ab. Er hat wichtigeres zu tun, die Audienz ist vorbei. Einen Helm gab es nie.


2. Nach Norden

1050 Kilometer und die Fahrt beginnt nicht. Zollformalitäten, Versprechungen, Schmiergeld: Vom Hafen zur Zollabfertigung über Straße aus Staub und Müll. Der Harmatin drückt in die Stadt, Sand aus der Savanne dringt durch alle Ritzen. Tage vergehen am Zoll, noch einmal ein Geldschein, Losfahren am Abend. Der Konvoi ist früh gespalten, einer entschließt sich zum späten Reifenwechsel, die Maschinen sind alt und unterschiedliche stark. Ich fahre mit dem modernsten Lastwagen, Baujahr 1984, die Anzeige misst: 760.000 Kilometer. Moussa Kandoré, geboren 1956, in Tamasgo, Cote d’Ivoire, lächelt unsicher, nach einem Tag Schweigen werden wir uns mögen.

Die Nacht legt sich wie ein schwarzer Vorhang über das Land, Ankommen und Abfahren in tiefer Dunkelheit: Die Fahrer schlafen unter ihren Lastzügen. Über das trostlose Städtchen Atakpamé legt die Nacht ihren Schutz. „Eine Oper?“ Nicht Moussa, nicht der junge Beifahrer Srina Lassna kennen das Wort. Ein Theater, in dem gesungen wird. Aha. Warum nicht. Srina kann nicht sagen, wie alt er ist. Vielleicht fünfundzwanzig. „Normalerweise wissen wir nicht, was wir laden. Wir kehren gleich wieder um.“

Manche Lastwagen machen die Reise nach Norden im zweiten Gang, die Achsen gebrochen, die Ladung doppelt so hoch wie die Zugmaschine, die Reifen glattgefahren, Federungen gerissen. Es gibt einen Berg, vor Kara: Neben manchen Zügen laufen zwei Sherpas, der eine hält einen Bottich, der andere schöpft Wasser durch die offene Motorhaube. Zur Kühlung. Der Straße ist gesäumt von denen, die es nicht geschafft haben, von denen, die noch reparieren. Auf dem Abstieg versagten, vielleicht eine Stunde zuvor, einem Tanklaster die Bremsen: Aufprall auf Fels, der Hänger umgeworfen. Jetzt stehen zwanzig, dreißig Jungs aus der Nachbarschaft, halten Eimer unter den auslaufenden Sprit, öffnen die Stutzen, Benzin rennt breit über Asphalt.

450 Kilometer an einem Tag sind viel. Abfahrt um halb fünf, bis Dapaong ziehen sich die Stunden, längst hat sich dann die Savanne zwischen die Felder gedrängt, Büsche lösen Bäume ab, die Menschen leben in Häusern aus Lehm und Stroh, umfriedeten Kammern. Das Leben im Norden ist bitter arm, folgt steinalten Rhythmen und Traditionen. Hier haben über 80 Prozent weniger als zwei Dollar am Tag, Lesen und Schreiben können die wenigsten. Und: Alles hat eine Mitte, alles kann tariert werden. Vor allem Frauen tragen immense Ladungen auf dem Kopf, meterlange Latten, Kohlentöpfe in mehreren Etagen, grobe Klötze als Feuerholz. Dazu fahren sie Rad.

„Wir wissen noch nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das verstehen,“ sagt Christoph Schlingensief, wenn er gefragt wird, warum. Ein Zitat von Beuys.

Am Wegesrand laden wir auf: Säcke mit Mehl und Kohlen, „für die Madam“, grinst Moussa. Srina Lassna, der nicht lesen und nicht schreiben kann, klettert auf die Container, hievt, schwitzt, kann die Muskeln spielen lassen. In Dapaong wird es dunkel, die Straße schlecht. Das Asphaltband schmiegt sich um badewannengroße Löcher, die Lastwagen mäandern im Schritttempo. „Moussa, was haben Sie in ihrem Kästchen, dass da schaukelt?“ Beide lachen, wollen nicht reden. Schließlich doch: „Das ist für Glück und Gesundheit. Etwas Afrikanisches.“

In Cinkassé ist alles verrammelt, sonntags machen die Grenzer um sechs Feierabend. Die Fahrer betten sich zur Ruhe, Motorradfahrer bringen mich über die grüne Grenze, zur Unterkunft auf der anderen Seite. Die grüne Grenze ist braun: Im dünnen Scheinwerferlicht passieren wir schrundige Rinnsale aus Abwässern, wunde Marktstände, verlassene Hütten. Im Lichtkegel rauschen Bilder vorbei: Verwachsene Gesichter, eingefallene Bauten, ein Schwung Ferkel saugt an der Mutter, ein Pärchen streitet, ein Mann trinkt aus der nackten Flasche. Wir fahren falsch, stürzen wiederholt fast aufs karstige Land, dem Fahrer sitzt die Angst im Nacken. Eine Anhöhe noch, dann legt er beruhigend die Hand auf mein Knie, alles wird gut.


3. Grenzen

Cinkassé und Bittou, Landesgrenze, Zollgrenze, Geduld: Tage vergehen, Lastwagen glühen in rotem Staub, wenig Bewegung, Chauffeure schlafen im Schatten. Einem platzt der Kragen: „Es geht nur um Geld.“ Er erzählt von den Schikanen, von der Arroganz: Etwa einmal alle hundert Kilometer klettern die Beifahrer, klettert auch Srina Lassna vom Laster, eine Mappe mit Zulassungspapieren, dazwischen ein Schein: der Zoll, die Polizei, die Gendarmerie wollen einen Obolus. Auf der Strecke steht manchmal ein Streifenpolizist, breitbeinig auf dem Asphalt. Moussa bremst, lässt den Mann hochklettern, fährt schon wieder, gummt böse. Der Polizist sagt nur: „Hast du nicht einen Scheinchen für mich?“ Moussa schnalzt, beschleunigt, der Polizist muss abspringen. Jetzt sitzen alle im Kreis auf ihren Liegen, nicken zur Wut des Kollegen.

An der Grenze pendeln freie Agenten in Fußballtrikots zwischen den Behörden, in Trauben um Uniformierte, wedeln mit Papieren. Moussa ist sauer, die Preise steigen an als feststeht, dass der Konvoi geschlossen passieren will. Am Nachmittag wird es billiger, dafür werden wir an der Zollgrenze noch einmal länger auf die Papiere warten müssen. Auf Nachfrage, immer dasselbe: Chefs sind grade nicht da, Unterlagen fehlen, das Internet klemmt. Es blockieren die Burkinabé, sagen die Togolesen, „die Togolesen sinds“, sagen sie auf der anderen Seite. Beide halten die Hand auf. In beiden Büros hängt das gleiche Poster, die Effizienz des neuen Verfahrens wird bejubelt. 45 Euro pro Lastzug kostet die Passage.
Bittou ist ein Markt aus Hütten, vor einer Zeile aus Lehmkammern: Ein Anhängsel des Zollhofes. Reis und Fisch, Teller aus Blech, man isst mir rechts. Prüfende Blicke, grinsen. Auf dem Platz steht ein Kicker, wir spielen im Licht der Laternen, der größere Teil der Jugend will gegen den Nassara gewinnen, gegen den Weißen. Mein Partner kurbelt heftig, spricht nur Morée, den regionalen Dialekt. Als der Strom ausfällt geht das Spiel bruchlos weiter, die Konzentration steigt: Der Mond scheint unzulänglich, der Tisch ist rußig, schief, oft geflickt. Hände greifen ein, die Spielregeln sind eigen. Zigarettenasche fällt aufs Spielfeld. Die Bälle sind schwarz, angenagt, man spielt nach Gehör: Ein hölzerner Knall, daneben. Metall: Tor. Schließlich, gegen die Matadore des Orts, wir halten uns gut, gleichen aus. Beim 6:6 geht das Licht an, eine rasche Bewegung, Metall knallt laut, breites Grinsen: Nassara hat verloren.


4. Ouagadougou und weiter

Die Stadt ist höher, die Stadt ist weiter: Stockwerke, solide Mauern, geordneter Verkehr, Essen mit Besteck. Eine Stadt im Übergang, in der Nähe des Flughafens sind stauseegroße Flächen abgeräumt, die Stadtplanung macht ernst mit der Beseitigung des Informellen. Das neue Zentrum heißt Ouaga2000. Übergang bleibt auch Dauerzustand: Baustellen liegen brach, wie offene Wunden harren sie den versprochenen Maßnahmen, manche Viertel warten seit Dekaden auf den Bau. Im Vergleich zu Lomé ist vieles moderner und doch brauchen Formalia für den Transport erheblich länger. Es wird heißer, Sand liegt in der Luft.

Eine Fahrt nach Osten nimmt die Ankunft voraus, nach einer halben Stunde, der Weiler Ziniaré. Hier beginnt eine Schotterpiste, große Maschinen treiben selbst am Sonntag voran: Sie planieren eine bessere Verbindung zum Dorf des Präsidenten. Wir fahren im Jeep, auf der Umgehungspiste bitter nötig. Irgendwann geht links ein Staubpfad ab, verliert sich auf einer Anhöhe, von Felsen begrenzt, mit drahtigen Bäumen. Laongo heißt die Gegend.

In der Ebene rufen Hirten ihr Vieh, wie seit Jahrhunderten vielleicht. Irgendwo klopft einer beharrlich auf Stein. Von den Felsen liegt einem die Landschaft zu Füßen, kahle Flecken, einzelne Bäume, der Boden braun. Die Eiszeit hat ihre Muster in den Fels gegraben, der Wind kommt in Stößen. Der Ort ist nicht unwirtlich, er ist nicht rau, oder karg. Er ist nur: alt.

Aus der Ebene klettern schließlich zwei Jungs auf die Felsen, sprechen nicht und dann leise, Dialekt. In den Haaren das Stroh vom Schlaf, im Blick die Überraschung ob der seltsamen Geräte in den Händen des Fremden. Die Sonne steigt rasch, die Gegend ist leer und still, es gibt keinen Schatten und kein Wasser. Alles ist hell und klar. Morgen kommen die Container. Dann baut Christoph Schlingensief hier ein Operndorf.

In der Zukunft werden wir das verstehen.

Wohlfeiles für alle, die waidwund oder wütend sind


Die Tea Party macht mobil. Von Lennart Laberenz (Wisconsin)

"Dies ist meine erste politische Demonstration." Velinda Root zurrt an der Kapuze ihrer roten Windjacke. Die Baseballsaison hat begonnen, doch kein Frühling weit und breit: Nieselregen, Temperaturen um 10 Grad Celsius. Die 64-Jährige steht auf einem Parkplatz in Milwaukee, weit entfernt von ihrer deutlich wärmeren Heimatstadt Perry im Norden Floridas....

http://fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2543629_Hass-Gruppen-in-den-USA-Wohlfeiles-fuer-alle-die-waidwund-oder-wuetend-sind.html

Frankfurter Rundschau vom 15. April 2010

Hoffnung im Sand


Ende Februar wird im westafrikanischen Staat gewählt – eine Demokratie wird es auch danach nicht sein. Wie lebt man in so einem Land? Die Geschichte einer Flucht – und einer Rückkehr.
Von Lennart Laberenz

In: Wochenzeitung vom 18. Februar 2010

http://www.woz.ch/artikel/2010/nr07/leben/18947.html

Jenseits von Ouagadougou


(Ungekürzte Version der Reportage aus dem Standard, 13./14. Februar 2010)

Dreizehn Container transportieren das Innere von Christoph Schlingensiefs Operndorf nach Laongo, Burkina Faso.

Von Lennart Laberenz

1. Aufladen, Lomé

Ankunft, Lomé, 32°Celsius, morgens um vier und am Boulevard ist noch Licht. Hinten, beim Hotel Palm Beach, nahe der Grenze zu Ghana. Bottichgroße Leuchtkörper, neben jedem ein Generator, Motten, Fliegen, im dichten Schwarm. Beim Hotel laufen die Huren vergeblich auf hohen Hacken, vier Mann auf der Baustelle, sie schwitzen in Strömen, reden nicht gern. Fingern an der Teermaschine. „Im Februar,“ nuscheln sie, sei die Baustelle fertig. Der Boulevard am Strand, fast bis zum mächtigen Hafen weit hinter der Stadt, Verkehr wird umgelenkt, sandig der Grund, Kreuzungen erneuert. Ende Februar sind Wahlen in Togo, der Potentat stellt sich dem Volk, da macht sich so ein Boulevard, zu viert stehen sie um die Maschine, ab und zu blicken sie auf den Verkehr, glatt und schwarz liegt der Teer hinter ihnen. Es heißt, Geld aus des Wirtschaftsverbandes Westafrikanischer Staaten würde hier verbaut, Infrastrukturmaßnahme. Wenn der Boulevard nicht reicht, wird es wohl wieder das Militär richten: Der Präsident führt die Diktatur des Vaters weiter, mit anderer Verpackung.

Die Sonne geht auf: Die Stadt ist flach, Reste kolonialer Architektur, zerrüttet, zermürbt, zerbrochen. Abseits der Boulevards sind die Straßen aus Staub, die Menschen leben in Hütten, halb eingefallen, oder knapp davor. Es gibt keine Kanalisation, oft kein fließendes Wasser. Die Dinge sind sich selbst überlassen. Eine geteerte Straße, so spotten sie, führt sonst zur Mätresse des Präsidenten.

Zum Hafen, hier sollen 13 Container ankommen. Sie transportieren die Innenausstattung von Christoph Schlingensiefs Operndorf. Weihnachten ab Hamburg, vier Wochen später in Lomé. Zum Hafen also, zwei Taxis passieren, Kombis: Der erste voll unters Dach mit Plastikflaschen. Der zweite mit Ziegen. Der dritte: Mit Angst. Mikael fährt seit vierzig Jahren, kommt aus Nigeria. Die Angst ist unbarmherzig, er fürchtet die Motorräder und die Autos; zum Hafen brüllt, was die Zeit von den Lastwagen übrigließ, die fürchtet er am meisten. Er hat auch Angst vor den Schlaglöchern und den Arbeitern, die Schlaglöcher ausbessern. Er kennt nicht den Weg.

Aus der diesigen Hitze tauchen Mauern auf, Männer, die pinkeln, dahinter Kräne und Containerlandschaften. Müll. Der Hafen, eine der wichtigsten Einkommensquellen des Landes, für die Taschen des Präsidenten, sagen viele. Auch Franzosen haben ihre Hand aufgehalten, haben Loyalität gemessen und gewogen. „Ein persönlicher Freund,“ sagt Jacques Chirac als der Diktator stirbt.

13 Container á 20 Fuß transportieren das Innere der Oper: Ausstattung, Bühnenbild, Generatoren. „13 Container á 20 Fuß machen in Afrika sieben Lastwagen,“ sagt Étienne Yawo Dable. Spediteur, kennt sich aus: Er hat in Deutschland studiert, nickt zum unterschiedlichen Maß: Lastwagen, in Deutschland für zwanzig Tonnen zugelassen, tragen hier das Doppelte. Im Büro der Speditionsfirma hängt ein Wochenplan: Das Schiff ist zu früh, die Ladung wird bereits gelöscht, Rose Ahodikpe Speditions-Agentin, Abteilung See, lächelt breit.

Zum Hafen, zum Hafen: Händeschütteln beharrlich, Vorzimmer, Funktionäre, Genehmigungen, Assistenten. Die Idee ist: Ein Kleinbus, in die möglichst viele Abteilungsleiter, Gewerkschafter und Sekretäre passen, damit alle Genehmigungen sofort, vor Ort und mündlich ausgesprochen werden können. Nichts ist sicher, auf der zweiten Runde wird Papier eingesammelt, die Chefs bekommen ihre Hände erst über den Tisch zurück, wenn sie zustimmen, dass ich filmen kann. Und ja, sie wollen die Hände zurück, rufen nach Assistenten, nach Genehmigungen, nach Eile: Alles soll schnellstmöglich zum Wirtschaftsdirektor des Hafens, zu Herrn Néné. Einer sagt, beim Hinausgehen: „Unbedingt mit Helm!“

Monsieur Néné: Vorzimmer mit Werbegeschenken, Tragetaschen, Poster: „La passion de l’efficacité.“ Gesichter im Halbrund, die sagen: Es dauert schon eine Weile. Monsieur Néné aber macht schnell, nennt die Zahlen: Im Hafen wurden im letzten Jahr 300.000 Container umgeschlagen, wenig, verglichen mit Abidjan, verglichen mit Accra. Zum Abschied rennt der Assistent mit Statistik hintendrein, mit besten Grüßen.

Aufs Schiff, in Eile: Die tapfere Rose Ahodipke, ohne die ich nirgends hingekommen wäre, geht voran. Körperlich kräftig, mit lautem Lachen. Jetzt, mitten auf dem Fallreep versagt ihr Mut: Die Stufen schwingen und sie kommt keinen Zentimeter mehr voran, erstarrt im Blick nach unten. Über uns fliegen Container zum Land, ungefilmt. An der Reling, für Momente unerreichbar, lächelt freundlich Arkadin, Maat aus Rostow am Don, kennt von Deutschland und der Welt die Häfen, streckt vergeblich die Hand. Unten schlagen sich Hafenarbeiter auf die Schenkel, rufen Dinge, die ich nicht verstehen will. Zureden, freundlich schieben, nach endlosen Minuten geht es weiter. Oben wird der Kapitän geweckt, grünes Licht, ich komme aufs Monkey-Deck: Aufs Dach der Brücke. Rose lächelt erst wieder, als wir zurück auf dem Kai sind.

Ausladen, umladen, Lastwagen rangieren, der Hafen ist ein Ballett mit Tonnen aus Metall, brüllenden Arbeitern, Hitze, Bestechung: Die Chauffeure der Lastwagen zahlen für die Einweiser, zahlen, damit sie als Erste dran sind, zahlen für die Auslöse. Das Beladen ist ein genau kalkulierter Rhythmus: Stoisch blickende Gabelstaplerfahrer, drei Meter hoch die Kanzel, schweigend, bestimmt. Unten rennen, flüchten, gestikulieren Männer mit Papieren und Armen. Oben: Eilig, nie hastig. Zuletzt hat ein Fahrer seinen Hänger unglücklich abgestellt, den Rückwärtsgang verweigert kratzend das Getriebe. Der Stapler setzt kommentarlos ab. Er hat wichtigeres zu tun, die Audienz ist vorbei. Einen Helm gab es nie.

2. Nach Norden

1050 Kilometer und die Fahrt beginnt nicht. Zollformalitäten, Versprechungen, Schmiergeld: Vom Hafen zur Zollabfertigung über Straße aus Staub und Müll. Der Harmatin drückt in die Stadt, Sand aus der Savanne dringt durch alle Ritzen. Tag vergehen am Zoll, noch einmal ein Geldschein, Losfahren am Abend. Der Konvoi ist früh gespalten, einer entschließt sich zum späten Reifenwechsel, die Maschinen sind alt und unterschiedliche stark. Ich fahre mit dem modernsten Lastwagen, Baujahr 1984, die Anzeige misst: 760.000 Kilometer. Moussa Kandoré, geboren 1956, in Tamasgo, Cote d’Ivoire, lächelt unsicher, nach einem Tag Schweigen werden wir uns mögen.

Die Nacht legt sich wie ein schwarzer Vorhang über das Land, Ankommen und Abfahren in tiefer Dunkelheit: Die Fahrer schlafen unter ihren Lastzügen. Über das trostlose Städtchen Atakpamé legt die Nacht ihren Schutz. „Eine Oper?“ Nicht Moussa, nicht der junge Beifahrer Srina Lassna kennen das Wort. Ein Theater, in dem gesungen wird. Aha. Warum nicht. Srina kann nicht sagen, wie alt er ist. Vielleicht fünfundzwanzig. „Normalerweise wissen wir nicht, was wir laden. Wir kehren gleich wieder um.“

Manche Lastwagen machen die Reise nach Norden im zweiten Gang, die Achsen gebrochen, die Ladung doppelt so hoch wie die Zugmaschine, die Reifen glattgefahren, Federungen gerissen. Es gibt einen Berg, vor Kara: Neben manchen Zügen laufen zwei Sherpas, der eine hält einen Bottich, der andere schöpft Wasser durch die offene Motorhaube. Zur Kühlung. Der Straße ist gesäumt von denen, die es nicht geschafft haben, von denen, die noch reparieren. Auf dem Abstieg versagten, vielleicht eine Stunde zuvor, einem Tanklaster die Bremsen: Aufprall auf Fels, der Hänger umgeworfen. Jetzt stehen zwanzig, dreißig Jungs aus der Nachbarschaft, halten Eimer unter den auslaufenden Sprit, öffnen die Stutzen, Benzin rennt breit über Asphalt.

450 Kilometer an einem Tag sind viel. Abfahrt um halb fünf, bis Dapaong ziehen sich die Stunden, längst hat sich dann die Savanne zwischen die Felder gedrängt, Büsche lösen Bäume ab, die Menschen leben in Häusern aus Lehm und Stroh, umfriedeten Kammern. Das Leben im Norden ist bitter arm, folgte steinalten Rhythmen und Traditionen. Hier haben über 80 Prozent weniger als zwei Dollar am Tag, Lesen und Schreiben können die wenigsten. Und: Alles hat eine Mitte, alles kann tariert werden. Vor allem Frauen tragen immense Ladungen auf dem Kopf, meterlange Latten, Kohlentöpfe in mehreren Etagen, grobe Klötze als Feuerholz. Dazu fahren sie Rad.

„Wir wissen noch nicht, warum wir das hier machen, aber in der Zukunft werden wir das verstehen,“ sagt Christoph Schlingensief, wenn er gefragt wird, warum. Ein Zitat von Beuys.

Am Wegesrand laden wir auf: Säcke mit Mehl und Kohlen, „für die Madam“, grinst Moussa. Srina Lassna, der nicht lesen und nicht schreiben kann, klettert auf die Container, hieft, schwitzt, kann die Muskeln spielen lassen. In Dapaong wird es dunkel, die Straße schlecht. Das Asphaltband schmiegt sich um badewannengroße Löcher, die Lastwagen mäandern im Schritttempo. „Moussa, was haben Sie in ihrem Kästchen, dass da schaukelt?“ Beide lachen, wollen nicht reden. Schließlich doch: „Das ist für Glück und Gesundheit. Etwas Afrikanisches.“

In Cinkassé ist alles verrammelt, sonntags machen die Grenzer um sechs Feierabend. Die Fahrer betten sich zur Ruhe, Motorradfahrer bringen mich über die grüne Grenze, zur Unterkunft auf der anderen Seite. Die grüne Grenze ist braun: Im dünnen Scheinwerferlicht passieren wir schrundige Rinnsale aus Abwässern, wunde Marktstände, verlassene Hütten. Im Lichtkegel rauschen Bilder vorbei: Verwachsene Gesichter, eingefallene Bauten, ein Schwung Ferkel saugt an der Mutter, ein Pärchen streitet, ein Mann trinkt aus der nackten Flasche. Wir fahren falsch, stürzen wiederholt fast aufs karstige Land, dem Fahrer sitzt die Angst im Nacken. Eine Anhöhe noch, dann legt er beruhigend die Hand auf mein Knie, alles wird gut.

3. Grenzen

Cinkassé und Bittou, Landesgrenze, Zollgrenze, Geduld: Tage vergehen, Lastwagen glühen in rotem Staub, wenig Bewegung, Chauffeure schlafen im Schatten. Einem platzt der Kragen: „Es geht nur um Geld.“ Er erzählt von den Schikanen, von der Arroganz: Etwa einmal alle hundert Kilometer klettern die Beifahrer, klettert auch Srina Lassna vom Laster, eine Mappe mit Zulassungspapieren, dazwischen ein Schein: der Zoll, die Polizei, die Gendarmerie wollen einen Obolus. Auf der Strecke steht manchmal ein Streifenpolizist, breitbeinig auf dem Asphalt. Moussa bremst, lässt den Mann hochklettern, fährt schon wieder, gummt böse. Der Polizist sagt nur: „Hast du nicht einen Scheinchen für mich?“ Moussa schnalzt, beschleunigt, der Polizist muss abspringen. Jetzt sitzen alle im Kreis auf ihren Liegen, nicken zur Wut des Kollegen.

An der Grenze pendeln freie Agenten in Fußballtrikots zwischen den Behörden, in Trauben um Uniformierte, wedeln mit Papieren. Moussa ist sauer, die Preise steigen an als feststeht, dass der Konvoi geschlossen passieren will. Am Nachmittag wird es billiger, dafür werden wir an der Zollgrenze noch einmal länger auf die Papiere warten müssen. Auf Nachfrage, immer dasselbe: Chefs sind grade nicht da, Unterlagen fehlen, das Internet klemmt. Es blockieren die Burkinabé, sagen die Togolesen, „die Togolesen sinds“, sagen sie auf der anderen Seite. Beide halten die Hand auf. In beiden Büros hängt das gleiche Poster, die Effizienz des neuen Verfahrens wird bejubelt. 45 Euro pro Lastzug kostet die Passage.

Bittou ist ein Markt aus Hütten, vor einer Zeile aus Lehmkammern: Ein Anhängsel des Zollhofes. Reis und Fisch, Teller aus Blech, man isst mir rechts. Prüfende Blicke, grinsen. Auf dem Platz steht ein Kicker, wir spielen im Licht der Laternen, der größere Teil der Jugend will gegen den Nassara gewinnen, gegen den Weißen. Mein Partner kurbelt heftig, spricht nur Morée, den regionalen Dialekt. Als der Strom ausfällt geht das Spiel bruchlos weiter, die Konzentration steigt: Der Mond scheint unzulänglich, der Tisch ist rußig, schief, oft geflickt. Hände greifen ein, die Spielregeln sind eigen. Zigarettenasche fällt aufs Spielfeld. Die Bälle sind schwarz, angenagt, man spielt nach Gehör: Ein hölzerner Knall, daneben. Metall: Tor. Schließlich, gegen die Matadore des Orts, wir halten uns gut, gleichen aus. Beim 6:6 geht das Licht an, eine rasche Bewegung, Metall knallt laut, breites Grinsen: Nassara hat verloren.

4. Ouagadougou und weiter

Die Stadt ist höher, die Stadt ist weiter: Stockwerke, solide Mauern, geordneter Verkehr, Essen mit Besteck. Eine Stadt im Übergang, in der Nähe des Flughafens sind stauseegroße Flächen abgeräumt, die Stadtplanung macht ernst mit der Beseitigung des Informellen. Das neue Zentrum heißt Ouaga2000. Übergang bleibt auch Dauerzustand: Baustellen liegen brach, wie offene Wunden harren sie den versprochenen Maßnahmen, manche Viertel warten seit Dekaden auf den Bau. Im Vergleich zu Lomé ist vieles moderner und doch brauchen Formalia für den Transport erheblich länger. Es wird heißer, Sand liegt in der Luft.

Eine Fahrt nach Osten nimmt die Ankunft voraus, nach einer halben Stunde, der Weiler Ziniaré. Hier beginnt eine Schotterpiste, große Maschinen treiben selbst am Sonntag voran: Sie planieren eine bessere Verbindung zum Dorf des Präsidenten. Wir fahren im Jeep, auf der Umgehungspiste bitter nötig. Irgendwann geht links ein Staubpfad ab, verliert sich auf einer Anhöhe, von Felsen begrenzt, mit drahtigen Bäumen. Laongo heißt die Gegend.

In der Ebene rufen Hirten ihr Vieh, wie seit Jahrhunderten vielleicht. Irgendwo klopft einer beharrlich auf Stein. Von den Felsen liegt einem die Landschaft zu Füßen, kahle Flecken, einzelne Bäume, der Boden braun. Die Eiszeit hat ihre Muster in den Fels gegraben, der Wind kommt in Stößen. Der Ort ist nicht unwirtlich, er ist nicht rau, oder karg. Er ist nur: alt.

Aus der Ebene klettern schließlich zwei Jungs auf die Felsen, sprechen nicht und dann leise, Dialekt. In den Haaren das Stroh vom Schlaf, im Blick die Überraschung ob der seltsamen Geräte in den Händen des Fremden. Die Sonne steigt rasch, die Gegend ist leer und still, es gibt keinen Schatten und kein Wasser. Alles ist hell und klar. Morgen kommen die Container. Dann baut Christoph Schlingensief hier ein Operndorf.

In der Zukunft werden wir das verstehen.

Die Matrix der Moderne



THERE WILL BE BLOOD. Edward Burtynsky zeigt mit seinen Fotos in dem Bildband "Oil" die Ergebnisse seiner erschütternden Reise durch die Welt des Öls.

VON LENNART LABERENZ

(sonntaz vom 29.11.2009)

Das letzte Bild vor dem Essay-Block in Edward Burtynskys prächtigem Bildband "Oil" fällt etwas aus der Reihe: Ein Porträt ist es, für den Industrielandschaftsfotografen Burtynsky fast eine Nahaufnahme: In Chittagong, Bangladesch, stehen drei barfüßige Männer, eingezwängt von verschmutzten Ölfässern. Der Boden ist eine einzige glänzende Oberfläche, Pfützen und Fußabdrücke in schwarzem Ölschlamm. Die Männer stehen vor einer Sickergrube, sie versuchen verdrecktes Altöl, mutmaßlich aus den ausgeschlachteten Tankern im Rücken des Fotografen, wiederaufzubereiten. Die verdreckten Reste werden in die Erde geschüttet. Das Bild hat keinen Horizont, hinter Zaun und Baracke schließen Palmen und Bananenbäume den Blick. Es scheint, als sei dieser grauenhafte Ort, in dem ein zum Gift gewordenes Naturprodukt der Natur selbst wieder zugeführt wird, ihr in täglicher Abwehr abgetrotzt.

Die Aufnahme korrespondiert mit dem ersten Bild des Bandes: Gewienerte Pipelines durchpflügen den kanadischen Wald in der Provinz Alberta. Auch dies eine Landschaft, in der Wald, dunkle Nadelhölzer freilich, dominiert und zurückgetrieben wurde, dazwischen eine Schneise mit dem erratisch anmutenden Muster der glänzenden Leitungen. Darüber türmen sich Wolken. Das Ensemble wirkt friedlich, ja sauber und verspricht im Subtext Fortschritt, Wärme, Modernität. Erst weiter hinten, als gezackte Narbe, mutet eine Sandpiste wie ein Eingriff, der das Idyll stört: Die Pipelines selbst sind zur zweiten Natur geworden, der Kontrast entsteht durch das schmale Band, auf dem man schwere Lastwagen und geländegängige Autos vermutet. Ihr Motorenlärm, ihre Abgase sind es, die auf Arbeit hinweisen, auf Verschmutzung und Zerstörung.

Zwischen diesen beiden Aufnahmen hat sich Edward Burtynksy auf eine lange Reise mit dem Titel "Oil" begeben, zwölf Jahre lang hat er fotografiert, was er mit dem Rohstoff verbinden konnte. Nun ordnet er die überwältigenden Bilder in dem vom Steidl Verlag in Steidl-Qualität herausgegebenen, wuchtigen Band in drei Kapitel: "Produktion und Weiterverarbeitung", "Transport und Motor-Kultur" sowie "Das Ende des Öls".

Plastik als sublimierte Bewegung

Der französische Philosoph Roland Barthes hat einmal bemerkt, dass Plastik "weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung" sei und als solche "die sichtbar gemachte Allgegenwart". Plastik sei stets mit dem Erstaunen vor dieser Umwandlung durchdrungen und als solches weniger Gegenstand im eigentlichen Sinn, sondern "die Spur einer Bewegung".

Wenn Plastik für Barthes die sublimierte Bewegung und zugleich fast substanzlos, weil beinahe unbeschränkt wandelbar ist, steht es ebenfalls sinnbildlich für den Erfindergeist und den Ausbeutungswillen der Moderne. Edward Burtynsky weist mit seinen großformatigen Aufnahmen von den Stätten der Produktion, den Modi des Verbrauchs und den grauenhaften Beschädigungen beider auf das Substrat der Moderne hin. Die gewaltigen Förderanlagen, die zur eigenständigen Landschaft gewachsen sind und beinahe nicht mehr als Störung der Natur ein Menetekel bilden, die Raffinerieleitungen, die zum eigenen Urwald wachsen, die Vorstädte, in denen man selbst zum Brötchenkaufen das Auto benötigt: Die Moderne, so kommentieren die Bilder von Burtynsky trocken und im Stil der Bechers, ist eine Lebensform der Vergangenheit, die ihre Konsequenzen weit in die Zukunft trägt. Und außerdem: Diese Moderne ist eine amerikanische Welt. Gerade der letzte Aspekt ist überdeutlich. Die kalifornischen Förderstätten des Erdöls verraten den Größenwahn ihrer Besitzer und den Überlegenheitsglauben der Nation selbst. In den dreckigen Hinterlassenschaften klingt die dünne Schicht der Zivilisation an, über die P. T. Anderson in "There Will be Blood" erzählt.

Edward Burtynsky hat bereits in drei Bildbänden die Spuren der industriellen Bewegung, die von Menschen gemachten Landschaften beobachtet. Eher überraschend, so erzählt er, habe er den Kern seiner Arbeit gefunden, bereits tief in den Prozess der Arbeit selbst verwickelt: Er habe sich einmal in Pennsylvania verfahren und sei in ein Kohlenstädtchen geraten. Eine Landschaft, komplett von Menschenhand gemacht, transformiert, ins Surreale verändert. Daraufhin habe er begonnen, die Eingriffe der Industrie in die Natur zu betrachten, sie als Landschaft selbst zu entziffern.

Hebebühnen, Kräne und Helikopter

Burtynskys Blick auf Industrie, die Rohstoffe fördert oder Energie produziert, ist geometrisch und nüchtern: "Ihre Verbindungslosigkeit zu unserer Zivilisation kommt mir seltsam vor", sagt er. Dafür steigt er auf Hebebühnen, Kräne und in Helikopter, um Steinbrüche, die Parkplätze mit frisch produzierten Neuwagen und surreale Landschaften aus abgenutzten Reifen zu vermessen. Gelegentlich erinnert er an die frühe Industriefotografie: Menschen erscheinen als Anhängsel der Maschinen, sie sind in ihrer Funktion zum Objekt geworden.

Burtynsky schlägt einen Bogen zu den Auswüchsen der Überflussgesellschaft, jener Welt aus Plastik. In "Oil" geht er einen entscheidenden Schritt weiter: Die stärksten Aufnahmen sind jene von den verseuchten Flüssen, den ausgeschlachteten Autos, den stillgelegten Fabrikationsanlagen unserer Konsumgesellschaft. Hier verschwimmen die Perspektiven, die Moderne ist nicht mehr exklusiv amerikanisch: Das verlassene Ölfeld ist ganz in der Nähe der weltweit ersten Stätte der Ausbeutung: in Baku, Aserbaidschan. Darauf folgen Aufnahmen von US-Kampfjets, die nie wieder fliegen werden. Auch die riesigen B-52, denen Stanley Kubrick in "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" auf der Spur war, sind für immer geparkt.

Der Interpretationsraum ist gewaltig: Wie Narben zeigen die Städte das Bekenntnis zum Wachstum, zu Sorglosigkeit und Fortschrittsoptimismus. Das Ergebnis ist fatal. Eine schwerfällige Moderne haben wir uns gebaut, ein umständliches System, in dem sich zurechtfindet, wer Moral und Empathie zur Seite rücken kann, wer sich dem Erstaunen vor der Spur der Bewegung nicht zu lange hingibt. Heute sind wir genügend informiert über den Umstand, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören. Ein einziger Hinweis aus dem klugen Essay von Michael Mitchell macht dies deutlich: Wir verbrennen seit Mitte der 1990er-Jahre mindestens 24 Millionen Barrel Öl im Jahr, während wir weniger als 10 Millionen Barrel finden. In diesem Licht weisen Burtynskys Bilder in die Vergangenheit, die Produktion und die Verschwendung im Verbrauch als Matrix der Moderne. Sie sind atemberaubend nüchtern in ihrer eleganten Hoffnungslosigkeit und ihrer verschwenderischen Tristesse.

Edward Burtinsky: "Oil". Steidl, Göttingen 2009, 216 S., 98 Euro

cherry orchard teaser 2009

video

http://www.q-teatteri.fi/baltic_circle/eng/index.html

Von der Stirne heiß...



Badehöhle oder Wellness-Spa? Die Finnen machen nicht jede Mode mit. Sie saunieren lieber pur. Bis heute




(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.11.2009)

Ich komme drei Mal die Woche her, manchmal noch häufiger.“ Antti nickt zwischen zwei tiefen Zügen an seiner Zigarette. „Meine sogenannte Freundin ist jetzt in Hamburg.“ Es bleibt unklar, was die Beziehung zwischen Antti und seiner Freundin so prekär hat werden lassen, aber augenscheinlich hatte er eine harte Nacht. Der Ort, mit dem er nun offensichtlich seine Freundin ersetzt, ist dagegen etwas überraschend. Eine Sauna nämlich. Und nicht irgendeine, sondern eine besondere Einrichtung: Eine der ältesten öffentlichen Saunas in Helsinkis früherem Arbeiterviertel Kallio.

Wenige Dinge akzeptieren die Finnen einmütig als typisch. Ein Land mit ungefähr fünf Millionen Einwohnern und einer schwer verständlichen Sprache, am Rande Europas gelegen und mit viel kultureller Distanz zu den unmittelbaren Nachbarn, da könnte man anderes erwarten. Den Gerüchten nach gibt es mehr Seen und Wäldern als Menschen und die sind dann häufig eigenwillig: „Zwei Jahre braucht man um sprechen zu lernen“, heißt es im Norden, „den Rest des Lebens hält man dann besser den Mund.“

Finnland ist trotz seiner überschaubaren Größe ein recht heterogenes Land, eine überraschenden Fähigkeit zu Innovation und Design steht unangebunden neben einer zwiespältigen Beziehung zu Klassik und Avantgarde: Die Finnen waren über Jahrhunderte schwedische und russische Kolonie, gelegentlich auch Abstandshalter und Jagdgebiet zwischen den Reichen. Das Bürgertum entwickelte sich eigentlich erst im letzten Jahrhundert und die Sorge um die Volkskultur bezieht sich auf Mitbringsel aus der landwirtschaftlich-dörflichen Welt: Der Wandel ländlicher Untertanen zum urbanen Bürger ging im letzten Jahrhundert rasch voran, Traditionen verweisen auf ein ins Nationale gerückte Gemeinschaftsgefühl. Heute sitzt man noch immer zusammen in der Sauna, auch wenn inzwischen aus einem Gummistiefelfabrikanten ein Technikgigant geworden ist.

Die Arla Sauna in Kallio ist eine der ältesten noch funktionierenden öffentlichen Saunas. Eher überraschend liegt sie im Seitenflügel eines Wohnhauses. Der Block hat genau einhundert Wohnungen, 1929 wurde der streng moderne Bau eröffnet, gerade Linien, ornamentfreie Decken, kein Firlefanz. In Finnland waren eigene Duschen bis in die 1960er Jahre eher ungewöhnlich, es gab ein Badehaus mit Sauna in jeder Mietskaserne. Vom Hof passiert man einen kleinen Kiosk, rechts neben den Treppenabsatz gedrängt. Darin steht Kimmo Helistö und erzählt, dass er zum Betreiber der Arla Sauna wurde, wie die Maria zum Kinde kam: „Ich war hier Stammgast und ich konnte einfach nicht ertragen, dass die Sauna sterben sollte.“ Helistö ist eine Art Lebenskünstler, Musiker und Produzent, eine Art Sozialarbeiter und Stadtteilaktivist. Er raucht Selbstgedrehte, lebt sogar in einem uralten Saunahaus; mit Fotos im Netz und direkt im Stadtteilparlament macht er gegen Gentrifizierung und einseitige Stadtplanung mobil. Er will verhindern, dass alte Industriegebäude verfallen und statt als Räume für Künstler zu teuren und immergleichen Lofts umgewandelt werden. Auch wenn Vermieter in Helsinki wahnwitzige Preise aufrufen, der soziale Traum vom Besitz und der eigenen Sauna ist tief verwurzelt in Finnland. Und je mehr der steigende Wohlstand der Gesellschaft ihn realisierte, desto mehr öffentlichen Saunas gingen ein. Damit will sich Helistö nicht abfinden. „Kaffee und Tee sind umsonst. Ach und, du kannst natürlich auch dein eigenes Bier trinken“, erklärt er die Regeln.

Bei genauerem Hinschauen ist das moderne Leben in den Städten des Südens überdeutlich, der raue Geist der Vergangenheit dennoch nicht gezähmt: Finnland hat eine legendär hohe Suizidrate, die Straßen der Städte müssen jedes Wochenende von Tonnen an Erbrochenem, Urin und Blut gesäubert werden, und das Heim ist für Frauen der gefährlichste Ort – häusliche Gewalt, ausgehend von einem eifersüchtigen und/oder betrunkenen Mann nimmt den Spitzenplatz in Nordeuropa ein. Vergleichende Studien notieren Finnland auf dem dritten Rang, wenn es um privaten Waffenbesitz geht, hinter den USA und dem Jemen. Einer der Orte, an dem sich ein steinaltes Ritual, die Vereinbarung des Schweigens, die rauen Sitten der Vergangenheit und die praktische Moderne treffen, ist die Sauna.

Die Finnische Saunagesellschaft schätzt, dass im Land etwas weniger als zwei Millionen Saunas existieren, beheizt mit Holz, Strom, oder Gas, betrieben mit Dampf oder Rauch. Dabei ist die durchschnittliche Finnische Sauna meilenweit von jenen aseptischen „Saunalandschaften“ Zentraleuropas entfernt, wenig erinnert an jene hell erleuchteten Spa-Anlagen mit Handtüchern aus Frottee, spießigen „Kein Schweiß aufs Holz“-Schildern und palavernden Menschen in Badeanzügen auf den Bänken.

Finnische Saunas sind einen weiten Weg gegangen: Forscher entdecken Ursprungsformen als eine Art bewohnte Badehöhlen, in Böschungen gegraben, das Feuer heizte einige Steine nahe dem Ausgang an. Aus dem 19. Jahrhundert gibt es auf dem Land noch Konstrukte, die als steinummauerte Schwitzkästen unter Badehütten eingelassen waren, irgendwo zwischen diesen beiden Formen ist auch der etymologisch unklare Begriff der Sauna geboren. Wesentliche Entwicklungsschritte des 20. Jahrhunderts waren Abzüge und Schornsteine, von dort ist es ein kleiner Sprung zu den viereckigen Holzhütten als unverzichtbarer Bestandteil des Sommerhäuschens neben dem allgegenwärtigen See. Wer kann und auf sich hält, heizt hier mit Holz, für den Alltag in der Stadtwohnung tut es Strom. Häufig kehren die Finnen wieder zur archaischen Form zurück, der Trend negiert die Innovation: Die Rauchsauna, schornsteinlose Räume mit offenem Feuer in einem Steinofen und einem Abzugsloch in der Wand ist wieder gefragt.

Der Legende nach haben sich Finnische Soldaten im Zweiten Weltkrieg regelmäßig in die geheizte Höhlen zurückgezogen und die Sauna hat vermutlich jede denkbare soziale Rolle gespielt: Von der Badestelle zum Krankenhaus des armen Mannes, vom Trockenraum für Flachs und Getreide zum Räuchern von Fleisch, vom Winterlager zum Gemeindezentrum, vom Rückzugsort für Geschlechtsverkehr und der späteren Geburtsstelle vieler Kinder zum sozialen Treffpunkt der Nachbarn und Beratungsraum der hohen Politik. Manche der Saunavereinigungen haben den Charakter der britischen Gentlemen’s Clubs – Eintritt ist nur sorgfältig sortierten Mitgliedern oder geladenen Gästen erlaubt. Aber es gibt auch weniger exklusive Vereinigungen, Zusammenschlüsse von Nachbarn und Freunden, die Grundstücke am See erwerben und Gemeinschaftssaunas betreiben. „Aber eigentlich“, sagt der Fotograf und Kulturwissenschaftler Harri Palviranta, „ist das finnische Ideal der eigene Besitz. Natürlich ist das auch ein Klischee, aber wir wollen in Ruhe gelassen werden. Die eigene Sauna ist eine Art Gral des Privaten.“

Im Hof in Kallio klaubt Antti seine Sachen zusammen, er repariere Schornsteine, sagt er. Sein Freund Riku ist Anstreicher. Beide sind ans hintere Ende der 20er gelangt und wollen sich doch von der Jugend noch nicht lossagen: Riku hat schon seinen Kapuzenpullover an, Antti hat sich nur die Trainingsjacke über geworfen. Ein paar Minuten zuvor haben sie nur mit einem Handtuch bekleidet, mit Jussi, einem etwa fünfzehn Jahre älteren Dachdecker mit der Figur eines erfahrenen Kampftrinkers im Hof gesessen. Es ist etwa sechs Grad warm. Die drei haben sich mit Frühstücksbier aus Halbliterdosen zugenickt.

Die Arla Sauna hat eine Reputation, die mittlerweile weit über das Viertel hinausgeht. Die alte Stammkundschaft trifft auf junge Hipster, erlebnishungrige Yuppies und gelangweilte Schluffies. In den Ecken liegen dezent Ausstellungsankündigungen, Konzerthinweise und Filmveröffentlichungen, die Sauna ist ein Kulturknotenpunkt der Stadt. Trotz aller Modernität: Männer müssen in den ersten Stock, Frauen bleiben unten. Die Trennung nach Geschlechtern ist in Finnland obligatorisch. Die Umkleidekabine hat kleine Fenster und graue Spinde, die vermutlich seit jeher hier standen. Auf dem Boden dünn getretene Läufer. Von hier ab umfängt zunehmende Dunkelheit den nackten Gast: Der Waschraum ist komplett gefliest, die Farbe mischt Beige und Urin, soweit die Rußschicht dies beurteilen lässt. Der schummrige Charakter legt sich wie ein vager Schutz um die eigene Nacktheit, der sanfte Verfall harmoniert mit den körperlichen Problemzonen. Alles ist vergänglich, wozu da nach Perfektion streben? Es gibt exakt zwei Duschen.

Im Moment ist die Sauna leer, links neben der Tür eine dünne Funzel und ein gesprungenes kleines Fenster, beides gelblich und eher eine fade Entschuldigung, denn Lichtquellen. Nur die oberste der massiv gemauerten, weitläufigen Bänke trägt eine Krone aus Holzplanken. Drei dunkle Flecken markieren die Sitzplätze von Antti, Riku und Jussi. Es ist nicht klar, ob alles der Maßgabe der Konservierung folgt, oder mit Not vor dem Kollaps bewahrt ist. In jedem Fall hat überstürzte Modernisierung hier noch nichts verwüstet. Diagonal gegenüber dem Amphitheater der Sitzbänke, aus dem Dunkel herausragend, steht ein Monster von einem Ofen, der sich fast bis zur Decke streckt. Dem Neuankömmling ist das hochofenartige Gebilde ein Rätsel: Zwei große Luken blicken verschlossen in den Raum, nichts ist zu sehen von den üblichen Steinen, die sonst zuoberst auf dem Saunaofen sitzen. Wohin nur mit dem Aufgusswasser? Der Versuch aus dem Eimer ein paar Tropfen gegen die Außenwand zu werfen bleibt zum Glück schüchtern: Sofort rennt das Wasser in schwarzen Strömen herab.

„Du musst die Klappe öffnen“, nach ein paar Minuten ist Antti noch einmal zu einem Abschiedsgang zurück. Die Luke ist ziemlich genau in Gesichtshöhe ausgewachsener Männer angebracht. Hier sind die Saunasteine verstaut, in Erwartung der Aufgüsse für den schweißfördernden, beißenden Dampf. Zwei Kellen warten auf jeden, der hereinkommt, eine aus grünem Plastik, bauchig mit kurzem Griff und eine metallene mit langem Stiel. Jeder, der jetzt in rascher Folge den Raum betritt, schöpft zwei Kellen aus dem Eimer, wirft das Wasser durch die Luke, um sich sofort vor dem fauchenden Dampf zu ducken.

Herein kommen zwei blasse Knaben, Webdesigner, wie sie später erzählen, Jussi mit zwei Freunden von ähnlicher Statur, ein steinalter Mann mit einem hohen Filzhut nach alpinem Geschmack und schließlich, zusammen, ein Glatzkopf mit dem Bart der ZZ-Top-Sänger und einer älteren Gestalt im Schlepp, die eine überwältigende Ähnlichkeit mit dem späten Sitting Bull hat. Die Letzteren scheinen sich lange zu kennen: Während der nächsten Stunden, in denen sie stoisch zwischen Sauna und Duschen pendeln, fällt zwischen ihnen nicht ein einziges Wort.

Jetzt brennt der Dampf auf der Haut, wir sitzen stumm auf der obersten Bank. Gelegentliche Unterhaltungen versanden rasch in den UrFinnischen Füllworten aus „jahas“ („ja gut“), „kyllä“ („natürlich“) und dem unübersetzbaren „tuota-tuota“. Stille und Dunkelheit sind essenziell, hier wir in vielen anderen Saunas. Finnen können auch sprechen, uralte Konventionen des Nordens stehen plötzlich klar im Raum. Ein paar Monate zuvor habe ich Kristian Smeds, einen kontrovers diskutierten Theatermacher besucht. Smeds hat den Sommer hart an seiner Sauna in einem Vorort von Helsinki gearbeitet, einem Häuschen im Garten, nur von Kerzen beleuchtet, ohne Strom und fließend Wasser. Nach einer Weile war Smeds in ein gleichmäßiges, schlaf-ähnliches Brüten verfallen, sein Atem ging schwer. Der dritte im Bunde führte das Gespräch, vielleicht von Wiedersehensfreude befeuert. Plötzlich aber platzte Smeds in die Unterhaltung: „Das ist jetzt der Weltrekord an Worten in dieser Sauna.“

Draußen, im Umkleideraum der Arla Sauna läuft die Unterhaltung dagegen flüssig. Karhu-Kalja (Bärenbier) aus schwarzen Dosen, eine obskure Flasche Rotwein mit Plastikverschluss und dem Etikett „Magyar“ machen die Runde, gelegentlich unterbrochen von Finnlands eigenem, längst zur Metapher gewordenen „Koskenkorva“-Schnaps. Zu Zeiten als Finnland noch eine Vermittlerfunktion zwischen Ostblock und dem Westen einnahm und außerdem die Prohibition das Alltagsleben stärker regelte, war die Halbliterflasche Koskenkorva die billigste Variante, den Alltag zu ertränken. Wenn aber noch irgendeine Idee vom Spa begraben werden müsste, ist jetzt die Zeit. Sauna heißt hier in den engen Gängen und ohne Extravaganzen zwischen Möbeln im Busfahrergrau zu sitzen. Der Saunagang ist ein Schlüsselfaktor um den Kater zu vertreiben. Und um mehr trinken zu können.

In der Sauna herrschen an diesem Samstagnachmittag konstant 90 Grad. Vor dem Ofen steht ein jüngerer Gast, der offensichtlich grade erst gekommen ist. Lange Haare, Bauchansatz. Er erklärt seine Aufgusstechnik, mit raschen Bewegungen schöpft er eine Weile kleine Mengen Wasser und verteilt sie in alle Winkel des Ofens. Jussi, Sitting Bull und der Autor bilden das Publikum, der Neuankömmling hält einen kleinen Vortrag über die Bekömmlichkeit seines Verfahrens. Es scheint noch ein wenig dunkler zu werden, meine Fähigkeit des peripheren Sehens nimmt rapide ab. Irgendjemand hat zwei Feuerzeuge unter meinen Ohren gezündet. Es wird eine Weile still in der Sauna, die Steine zischen, der mit dem Bauchansatz klettert auf seinen Platz. Plötzlich erwacht Jussi aus seiner Starre, tief aus seinem Inneren ruft es „gute Idee“ und er schwingt den langstieligen Schöpflöffel als gelte es ein kalifornisches Buschfeuer zu bekämpfen. Über drei Meter wirft er Fuhre um Fuhre in den offenen Rachen des Ofens, nicht ein Tropfen gerät ihm daneben. Es ist Zeit zu gehen. Bauchansatz hat sich unter eine Dusche geflüchtet, vielleicht täuscht es, aber unter der anderen scheint Sitting Bull milde zu lächeln. Eiswasser aus dem Hahn bleibt also übrig und in mir wächst das Gefühl, dass die alten Zeiten längst nicht vorüber sind.
http://www.arlansauna.net/

Review: Shotgun Stories


http://www.fugu-films.de/downloads/shotgun/shotgun_tip_21_09.pdf

Gemütlich mit Gilb


Gemütlich mit Gilb

Jochen Schimmang erzählt in seinem wunderbar taktvollen Roman „Das Beste, was wir hatten“ von der Kraft der Verbürgerlichung in der späten BRD

Von Lennart Laberenz

(literaturkritik.de, Oktober 2009)

„Die bürgerliche Gesellschaft ist die ungeheure Macht, die den Menschen an sich reißt, von ihm fordert, dass er für sie arbeite und dass er alles durch sie sei und vermittels ihrer tue“, heißt es in Georg Wilhelm Friedrich Hegels ‚Grundlinien der Philosophie des Rechts‘ von 1821. Schon damals ist die bürgerliche Gesellschaft ein Ausweitungsprinzip und normatives Instrument, ein Zwang, an dem alles zunehmend gemessen und sanktioniert wird. Das dies am Ende der Bundesrepublik nicht viel anders war, postuliert Jochen Schimmang in seinem wunderbar taktvollen Roman „Das Beste, was wir hatten“. Schimmang setzt seine Romanhandlung an, wo aus der gehegten, etwas langweiligen und vor allem gemütlichen BRD im 1980er-„Zeitalter einer vielnamigen Orientierungskrise“, wie es Odo Marquard nannte, schließlich das große Deutschland mit seinen vielnamigen Wichtigtuern wird. Jene, die sich aus der Dissidenz auf den Weg in das Herz der Republik gemacht hatten, bleiben plötzlich am Wegesrand zurück.

Gemächlich schält sich im Roman eine bildungsbürgerliche Dreieckskonstellation heraus, bei denen die einzelnen Charaktere von recht disparaten Enden ans gleiche bürgerliche Herz gerissen werden. Protagonist ist der unambitionierte Gregor, der es eher aus Versehen vom studentenbewegten Semi-Marxisten zum Carl-Schmitt-Lehrbeauftragten, später dann zum Berater des Kanzleramtsministers und von dort vermittels einer hübschen Stasi-Agentin wieder hinab in den akademischen Mittelbau schafft. Gregors wichtigster Bezugspunkt ist sein Freund Leo, der seit den gemeinsamen Studientagen teils aus dienstlicher, teils aus freundschaftlicher Motivation ein Auge auf Gregor und viele andere aus der studentisch aufgeheizten vom Staat unbedingt als „linksextrem“ bezeichneten Szene hält – der Mann ist Spitzel und wird später Mitarbeiter beim Verfassungsschutz. Dazu gesellt sich noch Anita, Leos Frau.

Jochen Schimmangs Bundesrepublik glaubt man sofort, dass ein wichtiges Kriterium alltäglicher Befürchtungen der Gilb war, der an den Vorhängen und vielleicht an der ganzen Gesellschaft sichtbar wurde. Den Bildungsbürgern war es mehrheitlich egal, sie waren beschäftigt mit der Suche nach dem besten Restaurant der Region. Alles hätte so weitergehen können. „Die Zeit war knapp bemessen, und keiner der Anwesenden, dachte Gregor viel später einmal, wird sie je vergessen.“ Dieser Satz, eigentlich einem Bob Dylan-Konzert zugedacht, steht aus Gregors und Leos Sicht rückblickend vielleicht für den ganzen Staat.

Schließlich aber, die Einheit dräut, der Kanzler drängt, werden all jene ironischen Pragmatiker überrollt: Beim Ausbau der Bundesrepublik zur machtorientierten Nation verlieren die drei ihren Boden unter den Füßen. Die Stasi macht Gregor im Zentrum der Macht untragbar, der spöttische Spitzel Leo sitzt auf seinem Beobachtungsposten und weiß selbst, dass er es eher mit Petitessen zu tun hat. Anita beginnt eine Affäre mit Gregor, liest Michel Foucault und beginnt – eine wohlfeile Ironie – als Aushilfskraft in einer Werbeagentur eine späte und bescheidene Karriere.

Die dynamische Ausweitung der Verbürgerlichung und der ausgeprägte Hang zum Privaten hat sie allesamt diszipliniert, die Republik hat ihnen hinterher allerdings den Lohn verweigert und sich nach Osten zu neuen Ufern aufgemacht. Gebraucht werden nicht mehr freizeitorientierte Rationalisten, sondern Nationalbekenntnisse und brustgeschwellter Pathoswille – eine Haltung, der sie verächtlich gegenüberstehen. Daher beginnt sich der Widerspruchsgeist, nach all den Jahren etwas ungeübt und in den Gelenken steif, zu regen. Als endlich ein weiterer früherer Kommilitone dem lechzenden Großmachtgestus eine eher symbolische Anschlagsserie entgegensetzt, beginnen Gregor, Leo und Anita den hohen Preis, den ihr Drang zur Mitte gekostet hat, zu realisieren.

Schimmangs sehr fein ausbalancierter Roman entwickelt sich verhalten, reflektierend, im Ton sehr elegant und zugleich mit dem Anspruch des natürlichen Realismus. Wo in Literatur und Kino ansonsten eine Nabelschau oder platter Unterhaltungsnonsens inszeniert wird, bleibt Schimmang angenehm unaufgeregt. Allerdings verengt sich sein Blick gelegentlich auf die romantische Orientierungslosigkeit eines Milieus, das zu schnell ausgewechselt wurde.

Diese Wohleingerichteten mochten ihre alte Bundesrepublik, konnten sogar dem unprätentiösen Finanzamt-Baustil des Bonner Regierungsviertels etwas abgewinnen. Schimmang erzählt beschwingt, dass sich die Dinge an die Rheinschleifen hielten, Menschen kamen noch aus Traben-Trarbach, die Westberliner Abgeordneten hatten nicht einmal Stimmrecht. Sicher, die BRD war ein Wohlfahrtsstaat und funktionierte vor allem öffentlich-rechtlich: Das Land war überschaubar und vermochte den sozialen Frieden vielleicht noch mit dem Quelle-Katalog herzustellen. Allerdings strapaziert so viel harmonisch-rationale Gemeinschaft auch an manchen Stellen: Irgendwo muss es noch industrielle Arbeit gegeben haben, mit gelegentlichen Lohnkämpfen vielleicht? Auf dem langen Weg nach Westen spielen solche Widersprüche keine Rolle. Bei all dem Naturalismus drängt sich irgendwann auch die Frage nach den Filbingers und Karstens auf, die in der Bonner Politik ihre Runden zogen. Ihr Fehlen trägt einiges zu Schimmangs gelassenem Geschmack der kleinen Republik bei: Eine Republik, in der ein korrupter Kanzler aus der Pfalz als Weltmann durchging.

Nachdem Schimmang mit seinem Roman „Der schöne Vogel Phönix“ (1979) den Weg aus der ostfriesischen Provinz ins k-Gruppen-umtoste Westberlin schaffte, steigt er nun mit feinsinniger Kritik hinten aus der Bundesrepublik wieder aus. Vor allem da sich sein sehr sympathischer Anspruch an Rationalismus angenehm vom lärmenden Ton der Gesamt- und Großdeutschen abwendet – ihm zugleich aber immer unterlegen scheint. Gregor und Leo fällt das neue Bürgertum der Berliner Republik mit ihrem unangenehmen Gestus auf die Nerven. „Was mich stört, ist der Glaube, wir seien nun da angekommen, wo wir schon immer hinwollten. Alles andere war nur Vorbereitung, verstehst du?“ begründet der Verfassungsschützer seinen vorzeitigen Ruhestand. „Jede Generation hält sich für das Ziel der Geschichte. Da kann man doch still lächeln und drüberstehen“, entgegnet ihm Gregor.

Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten. Roman.
Edition Nautilus, Hamburg 2009.
320 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783894015985

Spaßiges aus Fernost


PLATTE ILLUSTRATION Yu Huas Roman "Brüder" über das China des 20. Jahrhunderts

VON LENNART LABERENZ (taz vom 13. August 2009)

Siebenhundertfünfundsechzig Seiten sind es am Ende. Solche siebenhundertfünfundsechzig Seiten können sehr lang werden, bestenfalls kurzweilig, gelegentlich sogar belanglos. Selbst wenn sie so Spannendes wie die kümmerlichen Begebenheiten der Kulturrevolution, die bleiernen Zeiten danach, den Aufbruch Chinas in den rabiaten Staatskapitalismus durchmessen: Als der letzte Satz gelesen und verklungen ist, kann das Kopfkratzen beginnen. Womit haben wir es da zu tun? Was halten wir in der Hand? Einen Jugendroman? Eine der Zensur untergeschobene, mithin subversive, deshalb oberflächlich ins Leichtfertige tendierende Erzählung? Ein Vehikel mit eher kommerziellen Absichten?

"Brüder" von Yu Hua ist zunächst die Geschichte zweier Halbbrüder, die von sehr unterschiedlichen Enden "unserer kleinen Stadt Liuzhen" kommen und sich siebenhundertfünfundsechzig Seiten später an sehr unterschiedlichen Enden wieder finden. Der eine, Glatzkopf-Li genannt, ein etwas kleinwüchsiger Straßenganove, später dick, meistens vulgär und irgendwie auch liebenswürdig, wird Millionär, oder "Super-Multimillionär", wie er sich selbst sieht. Der andere, Song Gang, wurzelt eher auf dem Land, großgewachsen, ist etwas träge, schüchtern auch und natürlich liebenswürdig, wird später kitschig-selbstlos auf den Gleisen vor der Stadt sein Ende suchen und finden. Dazwischen liegen die Kindheit der beiden, in der viel Rotz aus der Nase und Schweiß von der Stirn fließt; sexuelles Erwachen, Niederschläge und körperliches Erstarken; die Kulturrevolution, die den Vater der beiden zunächst zum größten Fahnenschwenker des Ortes, schließlich zum totgeprügelten Leichnam vor der Busstation befördert; Jahre der Trennung und hungernde Wanderschaft durch die kleine Stadt; hocherfreutes Wiederfinden und dann erneute Trennung ob einer Frau.

Während Glatzkopf-Li früh die Konventionen der Parteidoktrin in den Wind schreibt, Eigeninitiative und Entrepreneursgeist entwickelt, liest Song Gang zunächst Bücher, ordnet sich dann unter und erlebt den Niedergang der staatlichen Industrie aus der Arbeiterperspektive. Vor lauter Geradlinigkeit der Personenentwicklung kann einem schon die Hutschnur hochgehen: Aus dem einen wird, knapp zusammengefasst, ein arrogantes und hoch erfolgreiches Arschloch, der andere ist ein unselbständiges Weichei, zu nichts zu gebrauchen und ohne selbstständiges Urteil. Alleine das Balgen um die Stadtschöne Lin Hong, deren nacktes Hinterteil gleichsam eine innere Klammer des Romans ist, zehrt an der Geduld des Lesers: Während der aufdringliche Glatzkopf-Li mit seiner selbstgerechten Art abblitzt, lässt sich der über die Maßen verschüchterte Song Gang fast noch die Butter vom Brot nehmen. Erst mehrere versuchte Selbstmorde später trennt sich das Brüderpaar und findet die Liebe zueinander. Dabei wälzen sich viele Abschnitte in Pathos, als wollte der Autor kompensieren, was ein Buch nicht kann: nebenher einen süßlichen Hollywood-Soundtrack einspielen.

Unterdessen bietet die Stadt Liuzhen stets einen Resonanzboden für all diese Vorgänge, die Bewohner kommentieren beinahe pausenlos die letzten Geschehnisse, gleichen Literatur und Sprichwörter mit der brüderlichen Entwicklung ab, prügeln, wo Prügel gebraucht werden, sind unempfänglich, wo Empathielosigkeit gezeigt werden soll, stacheln an, wo Zwist auf die Spitze getrieben werden soll. Der Reigen bunter Anekdoten im Roman nimmt mit der Entwicklung der warenproduzierenden Gesellschaft noch zu: Ein Schönheitswettbewerb kurbelt die plastische Chirurgie und die sexuellen Ausschweifungen an, Betrüger treten auf, immer mehr Stadtbewohner werden mit Glatzkopf-Lis Imperium reich, die entwurzelten Arbeiter - unter ihnen Song Gang - zu fliegenden Händlern.

Als die schöne Lin Hong schließlich, ihr mittlerweile sterbenskranker Mann ist mit einem Scharlatan auf Wanderschaft und will den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Brustvergrößerungsgel sichern, plötzlich ihre Tugendhaftigkeit ablegt und eine detailliert ausbuchstabierte Affäre mit Glatzkopf-Li beginnt, sind wir vollends in der ethisch verlotterten Gegenwart angekommen: Die Unverschämten gewinnen, die Tugendhaften sind dämlich. Als Song Gang gescheitert zurückkehrt, trifft er zwar nicht seine Frau, dafür aber vibriert der Resonanzboden ob des unsittlichen Verhältnisses zur Genüge und der duldsame Song Gang findet noch im Selbstmord einen sauberen Ausweg. Aber damit ist der Roman nicht an seinem Ende angelangt, vielmehr hängt Yu Hua noch weitere Aspekte an, deren hauptsächliche Funktion zu sein scheint, das Absurde und das Eigentümliche der Gegenwart in Liuzhen zu verdeutlichen.

Ein Sittengemälde, so kündigte der Fischer-Verlag Yu Huas Roman an, "ein literarischer Funkenflug" zumal. Allerdings fliegen die Funken stets sehr illustrativ und außerordentlich theatralisch, statt impliziter Andeutungen urteilt der Autor gleich direkt über seine Personen, auf dass alle es verstehen mögen. Die Idee des "Show, don't tell" scheint keine Kategorie von Yu Huas literarischem Schaffen zu sein, die Umkehrung eher die Norm. Auch sprachlich erwarten den Leser hier keine Überraschungen, sondern eher die Bemühungen ums Folkloristische, gewürzt mit Vulgärem und seltsam freistehenden Anglizismen.

Yu Hua, gelernter Zahnarzt und einer der wenigen international erfolgreichen Autoren Chinas, antwortete unlängst auf die Frage, wie er den Umstand, dass China im Oktober Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sei, finde: dass dies "eine große Chance ist und eine sehr gute Gelegenheit für chinesische Bücher, auf den deutschen Markt zu kommen." Über siebenhundertfünfundsechzig Seiten wird man das Gefühl nicht los, dass hier ein leicht verdaulicher Strauß Buntes an möglichst viele verteilt werden soll.

Yu Hua: "Brüder". S.Fischer, 2009. 765 Seiten, 24,95 Euro.

"Komm nicht zurück. Erschieß dich lieber gleich"

Die andere Stadt: Ramallah

von Lennart Laberenz (tip 17, 08/2009)

Am Abend sitzen sie wieder in der kleinen Nische vor der Backstube und ziehen bedächtig an den Wasserpfeifen. Der älteste hier ist Tysser Abu Quaider, sieben Kinder hat er und vielleicht sind sie es, vielleicht der Sport: Man sieht ihm die 58 Jahre nicht an. Sein Platz ist auf einem der Blechstühle, die sie vor etwa zwanzig Jahren aus Syrien mitgebracht haben.

Tysser trägt schon den schwarzen Kaftan. Gleich singt der Muezzin zur Nacht, gleich geht es in die Moschee. Yasser ist vier Jahre jünger, hat einen Sohn mehr und spricht nicht viel. Er blickt lieber ins Abendrot und hat das Mundstück der Pfeife in die breite Zahnlücke am Oberkiefer geklemmt. Die Bäckerei in den wohl hundert Jahre alten Mauern gehört dem Familienarm der Cousins um Naseer (41), seinem Bruder Ahmad (42) und dem jüngeren Hazem (36). Er ist seit ein paar Monaten wieder in Ramallah, nachdem er dreizehn Jahre in Chicago gelebt hat. Den größten Teil davon illegal. Ab und zu blickt noch Mazen (39) aus der Tür, auch er einer der Eigentümer und jetzt schon mit der Nachtschicht zugange. Etwa tausend Brotschleifen rollt er aus und wälzt sie in Sesam.

Mazen hat nur fünf Kinder und damit weniger als die anderen, die zwei des ausgewanderten Bruders zählen noch gar nicht richtig – sie sind in Chicago und warten auf den Vater.
„Komm nicht zurück. Nicht mal für ein paar Monate,“ hatten Brüder und Cousins Hazem geraten, „erschieß dich lieber gleich.“ Jetzt sitzt auch Hazem wieder an der Ecke zur Altstadt, auf der Rückseite des geschlossenen Ramallah Museums. „Ich langweile mich ein bisschen,“ sagt der, sofort wieder weg will er, wenn die Papiere kommen. „Ich fange schon an, mit mir selbst zu reden.“ Dabei blickt er den Hang hinab, wo die neuen Siedlungen in den steinigen Hügeln zerfasern.

Ramallah wächst schnell, es gibt Geld aus den USA, die Stadt ist Regierungssitz und hat vielleicht die weltweit höchste Dichte an NGOs. In Hazems Rücken kann sich die Altstadt nicht recht entscheiden, ob sie Touristen anlocken, oder in sich selbst zusammenfallen will: Die prekäre Balance hat ihren Charme, aber hier leben, nein danke.
Und doch ist Ramallah die liberalste, weltläufigste und virilste Stadt in der seit 1967 besetzten Westbank, dem bisschen also, was von Palästina übrig geblieben ist. Am Abend flanieren etliche der vielen hundert Internationalen die Jaffa Road herunter, auf den Gartenterrassen der Snowbar gibt es selbstverständlich Bier und Wein und später treffen sich viele im Zen Club. Hier kann man sich prima über die eigenen Projekte unterhalten, gerne auch über Mauerbau aufregen. Schrecklich, der Tote letzte Woche in Bi’lin. Ja, ein Bier noch.

All dies ist den Abu Quaiders fremd. Wohl ebenso wie das kaum zehn Kilometer entfernte Jerusalem – sie kennen es nur noch aus dem Fernsehen, die Mauer verläuft am östlichen Rand Ramallahs und so haben sie auch ihren alten Familiensitz seit Jahren nicht gesehen. Bei einem Abend vor der Backstube geht es natürlich auch um die Besatzung, im fernen Chicago sah Hazem während der zweiten Intifada seine Mutter auf CNN, sie stritt mit einem israelischen Soldaten, der im Begriff war das Haus der Familie zu räumen; sie erzählen von den langen Warteschlangen an den Checkpoints, die die Westbank überziehen. „In der Zeit komme ich nach Jordanien und zurück,“ lacht Tysser. Warum die Mauer um Israel partout Schäfer von ihren Weiden, Familien von ihren Angehörigen, Clans von ihren Häusern trennt, fragen sie wohl auch. Allerdings erzählen sie gelassen, mit sachlichem Ton. „Wenn jemand den Israelis partout Probleme machen will, kriegen sie ihn am Ende dran,“ murmelt Naseer zwischen zwei Pfeifenzügen. Um die Ecke zeugt ein Mahnmal davon, was dies bedeuten kann: Auf offener Straße kam jemand, erschoss einen politischen Kämpfer und verschwand. „Es ist hart und ungerecht, aber wer keine Schwierigkeiten macht, kommt schon irgendwie durch. Zumindest bei den Israelis,“ sagt Hazem. Wichtiger aber sind Familie und Kinder. Der Deutsche Journalist ist auch noch Vegetarier? Kein Wunder, dass er keinen Nachwuchs hat.


Ernster wird es allerdings, als zwischen den Pfeifenzügen Korruption, Machtanmaßung und Willkür der eigenen Regierung, der Polizei und wer sonst noch einen Ausweis der vielen Sicherheitsbehörden tragen darf, diskutiert werden. Haben die willkürlichen Strafzettel, die herablassende Arroganz und der Umstand, dass der fünfzehnjährige Sohn auf den Touren mit dem Marktkarren der Bäckerei regelmäßig bedrängt und vor wochenfrist von Polizisten sogar verprügelt wurde, mit Israel zu tun? Es gibt keinen Zusammenhalt mehr, sagen sie dann, die Clans streiten in vielen Teilen der Westbank wieder um die Macht, der Gewaltpegel steigt. Grade nahm die Palästinensische Autonomiebehörde zehn Hamas-Kämpfer fest. Sie hatten Waffen und Pläne zur Ermordung des Präsidenten und etlicher Politiker.

Vor kurzem parkte jemand ein Wagen vor einer Bäckerei, das gefiel den Bäckern nicht. Als jemand den Streit schlichten wollte, bekam er ein Messer in den Rücken. Anfang Juli starb er im Krankenhaus.
Allerdings hat Hazem deshalb jetzt wohl wieder eine Frau. Zwei Monate waren er und eine Verkäuferin wortlos umeinander geschlichen. Als sie von dem Toten hörte und Hazem eine Woche nicht im Laden auftauchte, glaubte sie, der Streit sei vor der Backstube der Abu Quaider ausgebrochen, nahm sich ein Herz und fragte nach Hazem. Eine Woche später sprechen sie schon über die Hochzeit.

Jetzt sitzen sie wieder in der Nische, blubbern mit ihren Pfeifen und freuen sich. Wenn alles gut geht, wird auch Hazem bald ein paar mehr Kinder haben.


Anreise:
Nach Ramallah kommt man recht einfach – Flug bis Tel Aviv z.b. mit der Swiss von Tegel, dort das Sammeltaxi (50 Shekel, ca. 10 Euro) bis zum Damaskustor in Jerusalem, weiter geht es mit dem Bus 18 bis zur Stadtmitte.

Wohnen: Absteigen am besten vor Ort buchen und dann vor Freude über das gesparte Geld und vor Mücken in die Hände klatschen; am dünnen Buffett des City Inn Palace (EZ 60 U$/DZ 80 U$) treffen sich Journalisten mit amerikanischen Demo-Touristen, Geschäftsleuten und frisch eingetroffenem NGO-Nachwuchs.

Essen: Die besten Falafel gibt es bei Iyad, der höchstselbst und immer freundlich an der Kasse zwinkert (rechts ab vor dem Eiscafé Rukab, auf der linken Seite Richtung Al Se’a), internationaler und doch im Preis angemessen ist das Zyriab auf der Rukab Straße.

jiddish tango


so. there's a lot of bullshit-hype about present day tango. since i can't go by any hype without spitting on it, here's some bullshit about the past.

http://www.juedische-allgemeine.de/epaper/index.php?seite=3

new toy in town

so there is a new gadget. i shoot and i show the results. enjoy

http://www.flickr.com/photos/laberenz/sets/

cherry orchard, vilnius

captain smeds and his crew have successfully altered one datcha in vilnius and mowed down a cherry orchard, checkov-style.

http://smedsensemble.fi/blog/

results are in the editing-room now.

JUNOT DÍAZ, interview, lange version

die lange version aus der Frankfurter Rundschau: http://fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1707126&em_cnt_page=1

Reisen in die Gefahr



Christoph Ruf und Olaf Sundermeyer besuchen die NPD in den "National Befreiten Zonen"

Von Lennart Laberenz


Vier Jahre ist es her, dass der ehemalige "ZEIT"-Redakteur Toralf Staud als einer der Ersten die umfassenden Strategien der NPD in seinem Sachbuch "Moderne Nazis. Die neuen Rechten und der Aufstieg der NPD" einer breiten Öffentlichkeit vorstellte. Staud zeichnete die Öffnung der einst rechtskonservativ-bürglichen Partei zu den radikalen Kameradschaften nach, erklärte das Prinzip der "National Befreiten Zonen" zum Kern der "Faschisierung der Provinz". Seit Beginn des Jahrzehnts setzt die NPD gezielt auf solche "Angsträume": Kulturelle Hegemonie der neo-nationalsozialistischen Partei, No Go-Area für alle anderen. Unter dem Schlagwort des nationalen Sozialismus machte Staud eine Mischung aus konsequenter Gewalt gegen alle Opposition und Andersdenkenden, den Einbezug einer wachsenden rechten Jugendsubkultur Ostdeutschlands, sowie die betont bürgerlich-nachbarschaftliche Infiltrierung der Kommunalpolitik aus.

Schon vor vier Jahren ließ Staud die Entwicklung der NPD Revue passieren, überprüfte ihren Ausgang im antipluralistischen Herrennationalismus und zeichnete den Weg in den gewalttätig vorgetragenen Kurs aus Antiglobalisierung, Rassismus, Antisemitismus und der scheinbaren Verteidigung des kleinen Mannes gegenüber dem "unvölkischen" Staat oder der "jüdisch infilitrierten Geschichtsschreibung". Die NPD hatte es zunächst mit dem Machtapparat der sächsischen, später noch der Mecklenburg-Vorpommerschen Landtagsfraktion geschafft, Positionen und Strukturen vor allem in Ostdeutschland zu etablieren.

Diese Positionen und Strukturen untersuchen nun Christoph Ruf und Olaf Sundermeyer vier Jahre später. Ihr Buch "In der NPD. Reisen in die National Befreite Zone" verweist auf die Grundlagenarbeit von Toralf Staud und macht sich auf, die Thesen der Faschisierung der Provinz im Inneren zu erleben. "Für das gesamte rechtsextreme Lager wird dieses Jahr zu einer Zäsur", stellen sie fest, denn DVU und Republikaner werden am Ende des Superwahljahres 2009 gegen die vor allem kommunal und regional gut gestaffelte NPD an Einfluss verlieren. "Eine Partei (...), die nicht weniger plant als die radikale Umwälzung der bestehenden Gesellschafts- und Werteordnung" - die NPD, so lautet das Fazit, das die beiden Autoren in einem bemerkenswerten Interview auch einem ehemaligen Jenaer Vorstandsmitglied entlocken, "ist nicht rechtsextremistisch, sondern neonazistisch."

Zwangsläufig ergeben sich Doppelungen zur Arbeit von Staud - etwa in den Porträts der führenden Kader - allerdings gehen Ruf und Sundermeyer auch über den Stand von vor vier Jahren hinaus, indem die beiden Autoren auch die Festigung des sogenannten "Deutschlandpakts" untersuchen, also die taktische Vereinigung rechtsextremer Parteie-Strukturen bei Wahlen und in den Flächenländern Ostdeutschlands: Diese Absprache zwischen NPD, DVU und Republikanern war eine Erscheinung die erst nach der Veröffentlichung der "Modernen Nazis" getroffen wurde.

Zunächst ist allerdings die Anordnung der einzelnen Reportagen - das Buch ist in einem collageähnlichen Stil verfasst - kurios, gelegentlich hat man den Eindruck, sie sei eher dem Zufall geschuldet. Der Band beginnt mit einem Besuch in jenen vier östlichen Bundesländern, in denen der Rechtsextremismus floriert. So werden wir zunächst ins thüringische Schleusingen mitgenommen, in einen Ort, in dem Zivilcourage dafür gesorgt hat, dass einem bekannten Rechtsextremisten die Grenzen aufgezeigt wurden. Nach dieser Erfolgsgeschichte springen wir weiter in eine Parallelerzählung, die einerseits den in Potsdam herrschaftlich lebenden Betreiber der einschlägig bekannten Marke „Thor Steinar“, andererseits den Brandenburger Feld- Wald-und-Wiesen-Nazismus besucht, bevor wir die perfiden Taktiken der NPD in Mecklenburg-Vorpommern und den NPD-Funktionär Holger Apfel in seinem Muster-Landesverband in Sachsen besichtigen.

Ruf und Sundermeyer sammeln auf diese eher assoziative Art wichtige Eindrücke, das Interview mit dem NDR-Theoretiker Jürgen Gansel stellen sie neben das Grundlagenkapitel über die Strategie bei den Kommunalwahlen und die Experimentierfelder der NPD in der Hooligan-Szene oder im Saarland. Dadurch, dass Ruf und Sundermeyer den Erzählbogen der einzelnen Reportagen immer neu spannen und dabei die These von der kommunalen Arbeit im Auge behalten, beleuchten sie eine Dimension, die einer breiten Öffentlichkeit bislang verborgen bleibt. Auch 2009 bleibt die NPD eine reale Gefahr für Andersdenkende, für Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Nationalität oder einer sexuellen Orientierung, die nicht dem Standard der NPD entspricht. Ruf und Sundermeyer zeigen in ihrem wichtigen Beitrag, dass die NPD beharrlich an einem Umsturz eines demokratischen Gemeinwesens und einer Militarisierung von sozialen Problemen in benachteiligten Regionen arbeitet.

erscheint u.a. in: literaturkritik.de (april/2009)

"Ich habe alle meine Freundinnen betrogen"




Pulitzerpreisträger Junot Díaz über einige Themen seines Debütromans: Emigration, große Busen, starke Frauen und Sex.

Mit Díaz sprachen Lennart Laberenz und Philipp Lichterbeck.


Junot Díaz: Bilderbuchkarriere vom Einwanderer zum Literaturstar. Für seinen Debütroman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" erhielt er den Pulitzerpreis.

Zur Person:
Geb. 1968 in der Dominikanischen Republik; immigrierte als Kind in die USA. Erzählband "Abtauchen" (1996). Pulitzerpreis für den Debütroman "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" (2007).


Standard: Sie scheinen große Freude daran zu haben, weibliche Körper zu beschreiben. Bei Ihren Lesungen tragen Sie oft die Szene vor, in der Tochter Lola den enormen Busen ihrer Mutter Belicia abtastet ...

Diaz: ... und es kommt heraus, dass sie Brustkrebs hat. Ich schildere die Brüste als etwas Schönes, aber sie sind von Krankheit befallen. Es ist der Terror, der die Menschen fasziniert, nicht das Glück.

Standard: Und über die junge Belicia schreiben Sie, ihre "tetas" seien von solch titanischen Ausmaßen, dass jeder heterosexuelle Mann sein Leben neu überdenke.

Diaz: Ich werde oft beschimpft, weil ich angeblich Frauen sexualisiere. Doch ich reproduziere die hypersexualisierte US-Kultur, diesen Körperkult, der dazu führt, dass der Körper als Ausdruck der Persönlichkeit eines Menschen betrachtet wird.

Standard: Leiden die männlichen Charaktere in Ihrem Roman eigentlich unter dem Mangel an Sex oder tun es nur zur Selbstbestätigung?

Diaz: Yunior, der Erzähler, ist ein Sportficker. Bei ihm gibt es weder Schmerz noch Konsequenzen noch Moral. In meinen Zwanzigern war ich ähnlich. Ich griff mir jedes Mädchen, das ich kriegen konnte, und habe alle meine Freundinnen betrogen. Ich habe noch nie einen jungen Mann getroffen, der nicht wie ein Verrückter bumsen wollte. Man muss aber ein ziemlicher Depp sein, um das sein ganzes Leben lang durchzuziehen.

Standard: Die Frauen sind im Roman die Stärkeren. Reflektiert das die Erfahrung der dominikanischen Einwanderung?

Diaz: Männer bekamen seltener ein Visum, daher gibt es unter dominikanischen Immigranten viel mehr Frauen, die ein Geschäft führen und arbeiten. Das hat starke Frauen hervorgebracht.

Standard: Sie sind als Kind mit Ihrer Familie in die USA immigriert.

Diaz: Alle waren dabei: Großmutter, Mutter, zwei Tanten, zwei Schwestern, zwei Brüder und mein Vater. Die Familie ist stark vom Militär geprägt. Mein Vater war in der Armee. Ein Schwager ist Panzerfahrer, mein kleiner Bruder ein Marine, beiden Neffen sind im Irak. Gleichzeitig gab es immer diese grimmigen Frauen.

Standard: Grimmig?

Diaz: Meine Mutter etwa. Arbeitete ihr ganzes Leben in verschiedenen Fabriken, kümmerte sich um fünf Kinder. Sie konnte absolut keinen Quatsch ausstehen. Als sie herausfand, dass mein Vater fremdging, schmiss sie ihn raus. Wir haben nie wieder von ihm gehört. Sie sprach kein Englisch, hatte kein Auto und bekam keinen Cent Unterstützung. Meine Mutter ist heute 70 Jahre alt und arbeitet als Altenpflegerin.

Standard: Das scheint nicht unbedingt das Umfeld, in dem Pulitzerpreisgewinner gedeihen?

Diaz: Ich hatte Glück. Jeder Einwanderer versucht aufzusteigen. Wenn es einer schafft, heißt das nicht, er habe mehr Talent. Ich wuchs mit Freunden auf, die schlauer waren als ich, härter arbeiteten. Der Unterschied: meine Mutter wurde nie ernsthaft krank, sodass ich mich nicht um sie kümmern musste. Ich hatte nie Probleme mit der Polizei. Wäre ich nur einmal mit Drogen erwischt worden, wäre es das für mich als Einwanderer gewesen, Ende im Gelände. Die Sterne standen nicht gegen mich.

Standard: Der "New Yorker" hat Sie zu einem der wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts ernannt. Wie geht man damit um?

Diaz: Den Großteil des Applauses bekomme ich nur, weil ich den Pulitzerpreis gewonnen habe. Ich gehöre zudem einer Identitätsgruppe an, die gerade noch komfortabel ist: Ich bin keine Frau, ich bin nicht zu schwarz, ich bin nicht schwul. Hätte eine schwarze homosexuelle illegale Einwanderin diesen Roman geschrieben, wäre alles viel schwieriger für sie geworden.

Standard: Der amerikanische Literaturmarkt ist immer noch dominiert von den alten weißen Männern?

Diaz: Sicher. Immer noch wird in den USA der magische Realismus als lateinamerikanische Folklore abgetan. Dabei muss man nur in New Jersey leben, um zu verstehen, was das ist. In den Köpfen der weißen Amerikaner wimmelt es von Engeln und Teufeln. Auch ihr Europäer mögt Barack Obama im Weißen Haus, aber in der Buchhandlung ist euch Philipp Roth lieber. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.3.2009)

Nicht schwul, keine Frau, nicht sehr schwarz


Junot Díaz stammt aus der Dominikanischen Republik und wollte schon als Jugendlicher immer nur eins: schreiben. Nun ist er ein gefeierter Schriftsteller.

Ein Porträt von Lennart Laberenz und Kai-Philipp Lichterbeck


Im Berliner ArteKunsthotel sitzt Junot Díaz und reibt etwas verschlafen an seiner Brille. Er ist kein Mann langer Vorspiele oder überflüssigen Small Talks. Seine Zeit ist kostbar. Kaum fängt er an, über seinen gewaltig erfolgreichen Debütroman Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao zu sprechen, bricht in der stillen Lobby das Chaos aus. Arbeiter wuseln, Leitern scheppern, die Kaffeemaschine raspelt. Doch so einfach ist Díaz nicht aus der Ruhe zu bringen, auch die Interviews sind Routine – seit Monaten trifft er Journalisten auf seiner Lesereise.

Dabei waren Lesungen, literaturwissenschaftliche Kolloquien und Empfänge nicht unbedingt zu erwarten: Schon am Abend zuvor hatte er mit verschmitztem Lächeln vor einem Publikum im Babylon erzählt, dass nichts in seiner Biografie auf eine erfolgreiche Schriftstellerkarriere hingewiesen hatte. Mit sechs Jahren wanderte er aus Santo Domingo nach New Jersey aus, lebte mit seiner Familie in jener Vorstadtarmut, die einen Teil der Tristesse der USA ausmachen. Working poor, wie er sagt. "Meine Mutter hat meinem Vater den Laufpass gegeben, als er sich eine Freundin zulegte. Da konnte sie kaum ein Wort Englisch, hatte kein Auto, aber fünf Kinder und kannte sich in New Jersey kaum aus." Einer der seltenen Momente, in denen sein Lächeln zerrinnt. Die alte Dame arbeitet immer noch als Altenpflegerin und habe extrem kräftige Oberarme, sagt er. Sie ist siebzig Jahre alt.

Díaz selbst lief als Kind beharrlich kilometerweit zur nächsten öffentlichen Bibliothek, blieb sogar der Schule fern, weil er an Weltraumopern und Science-Fiction-Werken schrieb. Ein Nerd war er und doch nicht so weltabgewandt wie Oscar, sein Titelheld. Zunächst wollte Díaz wie sein Vater zum Militär, er lieferte Billardtische aus, sein Rücken schmerzt noch heute. Er dachte an eine akademische Karriere, aber dann sei er eines Morgens aufgewacht und habe gedacht: "Das Einzige, was ich wirklich mag, sind Filme und Bücher. Vielleicht also sollte ich da etwas machen."

Und es habe auch strukturelle Aspekte gegeben, die seine Schriftstellerkarriere als eingewanderter Dominikaner erleichtert habe. "Ich bin nicht sehr schwarz, ich bin keine Frau und ich bin nicht schwul. Drei dicke Pluspunkte." Außerdem, in den USA unter Einwanderern ein enorm wichtiger Aspekt: "Wenn ich mit Kumpels unterwegs war, die Drogen dabei hatten, oder anderen Unfug machten, bin ich nie von der Polizei erwischt worden. Ich konnte mich ungestört entwickeln."

Schon der Vorgänger von Oscar Wao wurde in den USA hoch gelobt. Eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in Deutschland 1997 unter dem Titel Abtauchen erschien. Für seinen Debüt-Roman erhielt der 40-jährige Díaz im vergangenen Jahr den Pulitzer-Preis. Als gäbe es Hip-Hop nicht, als sei der Slang seiner Romanfiguren seine Neuerfindung, jubeln nun die Kritiker, schwärmen vom einem "neuen Sound", dem "brodelnden Leben", der "Energie" und erheben Díaz zu einer der "unwiderstehlichsten Stimmen der Gegenwart".

Díaz grinst, seine Augen werden zu schmalen Schlitzen, er fährt sich mit der Hand durch das Bärtchen. "Eigentlich bin ich in der Dominikanischen Republik immer von den Intellektuellen verschmäht worden", sagt er, "bis ich den Pulitzer bekam." Vor Kurzem eröffnete Díaz einen hochoffiziellen Empfang in Santo Domingo mit den Worten: "Jetzt liebt ihr mich alle, was?" Er kann sich kaum retten vor Versuchen der Vereinnahmung: In den USA verkörpert er den amerikanischen Traum, in der Dominikanischen Republik ist er nunmehr per Parlamentsbeschluss "Kulturbotschafter". It’s fucked up, sagt er.

Die Geschichte des Oscar Wao ist eine Familiensaga. Sie folgt einer einst angesehenen Familie, die vom Diktator Trujillo ins Gefängnis und ins Exil getrieben wird. Was mit Oscars Großvater, dem Arzt Abelard Luis Cabral, begann, wie wir in der antilinear geknüpften Erzählung freilich erst viel später erfahren, was mit Großmüttern, Cousinen und Töchtern weiterläuft, endet am Beginn des Romans: In der postindustriellen Einöde New Jerseys erzählt Díaz’ literarisches Alter Ego Yunior die Familiensaga von Oscar, einem Nerd, dem alle fundamentalen dominikanischen Qualitäten (das wären: Frauen, Sport, Frauen, Coolness und Frauen) konsequent abgehen.

Díaz’ Figuren schwanken zwischen Leid, Sex und Qualen. In den USA, "wo es erheblich weniger kulturelle Erziehung gibt", wie Díaz rasch einwirft, wird er gelegentlich dafür kritisiert, dass er besonders seine weiblichen Romanfiguren sexualisiere. "Mich fasziniert diese hypersexualisierte Kultur in den USA. Nirgendwo sonst wird der Körper derart mit Bedeutung aufgeladen. Er wird wie besessen untersucht und kartografiert und gilt als Ausdruck der Persönlichkeit. Es ist fast wie im 19. Jahrhundert, als die Physiognomie als Wissenschaft galt."

Inzwischen lehrt er am angesehenen Massachusetts Institute of Technology und ist kein zwanghafter Schriftsteller. Seine Geschichten kosten ihn Kraft und viele Entwürfe, die er immer wieder neu betrachtet und verwirft. Zwischen seinem ersten Buch und dem Roman liegen elf Jahre. "Ich kann gut einige Tage oder Wochen ohne Schreiben verbringen", sagt er. Was kommt als Nächstes? Díaz lacht. "Ich möchte eine Liebesgeschichte schreiben. Eine Liebesgeschichte in den USA im letzten Jahr ihrer Zukunft."